Heilfasten -
geschichtlicher Rückblick und physiologische Veränderungen
Fasten ist das älteste und in der Natur am meisten verbreitete Heilmittel.
Die kranken Tiere tun instinktiv das Richtige - sie lehnen Nahrung ab und fressen
tagelang nichts. Jeder Mensch kennt die Appetitlosigkeit beim Fieber. Der Organismus
reduziert die Nahrungsaufnahme um alle Energie zur Überwindung der Krankheit
einsetzen zu können.
Fasten zur Behandlung von Krankheiten oder vorbeugend zur Gesundheitserhaltung
ist in der Medizin bereits seit der Zeit der alten Ägypter und Hippokrates
bekannt und wurde oft angewendet. Nur die Kanonisierung der Arzneimittellehre
des altrömischen Arztes Galen brachte viele andere Methoden für mehrere
Jahrhunderte in Vergessenheit.
Erst ab der Renaissance wurde das Interesse an der Fastentherapie wiedererweckt.
Paracelsus verordnete Fasten bei allen möglichen Leiden. Besonders verbreitet
war diese Methode wegen ihrer Günstigkeit in den unteren Bevölkerungsschichten.
Im 18.und 19. Jahrhundert wurden in Europa, Russland und Amerika mehreren Studien
über die Wirkung des Fastens veröffentlicht und mehrere Fastenkliniken
eröffnet. Besonders umfassend sind die Arbeiten des russischen Professor
Paschutin (1845-1901), der als erster die physiologischen Wirkungen des Fastens
untersuchte und aus wissenschaftlicher Sicht den Nutzen des Fastens für den
Organismus begründete. In der selber Zeit wurden mehrere Fastenkliniken eröffnet.
Dr. Dewey (1840-1904) in Amerika, Dr. Mayr (1875-1965) und Dr. Buchinger (1878-1966)
in Deutschland machten das Fasten in ihren Heimatländern populär. Sie
verschafften dem Heilfasten, als einer Methode der Ganzheitsmedizin, unter ärztlichen
Kollegen Anerkennung.
Die rasche Entwicklung der Technik, Maschinen und Chemie in unserer Zeit änderte auch die Mentalität in der Medizin. Der Organismus wird ebenfalls als eine moderne chemische Anlage betrachtet. Die Behandlung wird auf die Korrektur einzelner chemischer Prozesse und auf die Reparatur, Entfernung oder Ersetzung schlecht funktionierender Teile reduziert. Nun ist ein Schulmediziner nicht von einem Ingenieur zu unterscheiden.
Eine Illustration dieser primitiver Darstellung ist die "wissenschaftlich fundierte" und seit der Zeit der industriellen Revolution in der Medizin herrschende Kalorientheorie.
Um den Energiegehalt der Nahrung zu bestimmen, werden einzelne Lebensmittel in einem Ofen (Kalorimeter) verbrannt und die freigesetzte Energie gemessen. Aufgrund der Messergebnisse wird dann die Nahrung als energiearm- oder reich klassifiziert. Auf diesen Ergebnissen basieren nun die Ernährungsempfehlungen.
Dabei wird der Organismus als ein Ofen betrachtet. Ein größerer Unsinn ist schwer auszudenken, da die Verdauung im Magendarmtrakt und die Absorption und Verstoffwechslung der Nährstoffe kein Brennvorgang, sondern ein hochkomplizierter mehrstufiger biochemischer Prozess ist. Die tatsächliche Energiegewinnung in einem Organismus und in einem Ofen können nicht mit einander verglichen werden. Wie können nun auf diesen Ergebnissen Diätempfehlungen basiert werden?
Viele Naturheilverfahren wie Fasten erscheinen aber als Therapie zu altmodisch, da die neuen chemisch hergestellten Medikamente und moderne Apparate die Hunderte von Jahren angewendete Methoden vollständig ersetzen sollen. Diese mechanistisch-lineare Denkweise wird durch wirtschaftliche und politische Machtinteressen definiert, die die Existenz der Naturmedizin praktisch in den "Untergrund" verdrängten. Es werden keine weiteren Forschungen durchgeführt; mit allen Mitteln werden alternative Behandlungen als unseriös propagiert; die Behandlung wird nur als teuerer "Luxus" angeboten (die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen keine Kosten). Doch es existiert ein breites Spektrum von Indikationen zum Fasten bei Herz-, Magen-Darm-, Stoffwechsel-, Lungen- und vielen anderen Krankheiten
Heilfasten - physiologische Veränderungen
Fasten ist die Existenz des Organismus ohne Zufuhr von Nährstoffen von außen, was den Organismus zur physiologisch angelegten Umschaltung des Stoffwechsels auf Ernährung von Innen und zur Lebenserhaltung durch eigene Ressourcen veranlasst.
Der Fastende zwingt seinen Organismus alle Funktionen für diese extreme Situation anzupassen.
Die Adaptation erfolgt in mehreren nacheinander folgenden Stadien.
I Phase - Erregungsphase (1.- 3. Tag)
Wegen erhöhter Sympathikusaktivität und vermehrter Ausschüttung von Streßhormonen
-Katecholaminen (Adrenalin, Noradrenalin) - findet eine Veränderung der psycho-neuro-vegetativen
Regulierung der Herzkreislauf-, Atmungs- und Verdauungssysteme statt. Es werden
die leicht zugänglichen Vorräte der Kohlenhydrate aus der Leber, den Nieren und
Muskeln in Form von Glykogen (Stärke) mobilisiert und so der Energiebedarf des
Organismus gedeckt. Diese schnell zur Verfügung stehende Energiereserven (Glykogen
ca. 0,5 -0,8 kg) liegen bei ca. 1600 Kcal und können innerhalb eines Tages verbraucht
werden. In der Energieversorgung des Organismus beträgt am ersten Fastentag der
Anteil von Kohlenhydraten 80% und Fetten 20%. Am zweiten-dritten Tag wird der
Fettanteil auf 40% verdoppelt. Diese Umstellung auf den Fettverbrauch hat einen
physiologischen Sinn, da energetische Fettreserven viel größer als die Kohlenhydratreserven
sind. Ein 70 kg schwerer Mann hat bis zu 12 -16 kg Fett, was 100000-150000 Kcal
entspricht. Dies reicht für die Energieversorgung des Organismus für 50-70 Tage
aus.
II Phase - wachsende Ketoazidose (ab dem 3.- 4. bis zum 7.-
9. Tag)
Ab dem 3.- 4. Tag stellt der Organismus seine Funktionen auf ein Sparprogramm
um: Reduzierung des Stresshormonhaushalts, Absinken der Herzfrequenz, des Blutzuckers
und des Blutdrucks, ein Ansteigen von Glukokortikoiden wie Kortisol, Kortison
und Aldosteron und eine Intensivierung der Tätigkeit der Entsorgungsorgane.
Um den Energiebedarf zu decken werden nun aktiv die Fettreserven verbraucht. Die
überwiegende Menge natürlicher Fette sind Triglyzeride oder Neutralfette,
die der Mensch sowohl aus pflanzlicher als auch aus tierischer Nahrung aufnimmt.
Zu Fettsäuren und Glyzerin gespaltet, werden sie zur Energieerzeugung herangezogen
oder bei geringem Energiebedarf wieder in Neutralfette umgebaut und im Fettgewebe
oder in der Leber gespeichert. Ab dem dritten Fastentag fängt der Organismus
an Fett aus den Fettdepots zu verbrauchen und die aus den Fettsäuren gebildete
Ketonkörper zu verbrennen. Der Fettabbau führt zur metabolischen Belastung
der Leber, wo die Triglyzeride in Fettsäure gespaltet, die Ketonkörper
(Azeton, Betahydroxybuttersäure) gebildet und die Lipoproteine (Cholesterin)
synthetisiert werden. Die ab dem 5.-7. Tag auftretende mäßige Hypercholesterinämie
ist vergänglich, da Cholesterin aktiv für die Synthese der Fettsäuren
und Glukokortikoiden verbraucht wird. Das Gehirn und das Muskelgewebe decken nun
60-70% ihres Energiebedarfs durch die Verstoffwechselung von Fetten. In der zweiten
Phase sinken die Alkalireserven des Körpers und der pH-Wert ab. Es kommt
also zu einer Übersäuerung. Dieser Anstieg freier Fettsäuren ähnelt
der Azidose bei schwerer unbehandelter Zuckerkrankheit. Der Säureüberschuß
wird durch eine erhöhte Nierenleistung kompensiert. Gewisse Säuremengen
werden auch über die Haut ausgeschieden und über die Lungen ausgeatmet,
was einen spezifischen Mundgeruch (Azetongeruch) beim Fastenden, der dem Geruch
von schwer Zuckerkranken ähnelt, zur Folge hat. Das Ende der zweiten Phase
kann bei sehr starker Säuremobilisierung von einer azidotische Krise mit
Kopfschmerzen, Muskel- oder rheumatischen Beschwerden, Schwächen, vegetativen
Beschwerden, Stimmungsschwankungen u.ä. begleitet werden.
III Phase - kompensierte Ketoazidose (ab dem 7.- 9. Tag)
Stufenweise adaptiert der Organismus seine Funktionen für die Fastenbedingungen.
Sein Zustand stabilisiert sich wenn die nach dem Fettabbau aufgebauten Ketonkörper
für die Energiegewinnung aktiv eingeschaltet werden. Nach dem Verlassen der
Leber gelangen die Ketonkörper über den Kreislauf zu den übrigen
Körperzellen und werden wie Glukose zur Energiegewinnung herangezogen. Aus
abgebauten Fetten wird vermehrt in verschiedenen Schritten Glucose gewonnen. Ihr
Gehalt im Blut steigt, Cholesterin- und Triglyzeridgehalt sinkt. 70 bis 90% des
Energiebedarfs des Organismus wird nun durch Triglireriden- und Ketonkörperoxidation
abgedeckt. In solchem Zustand (wenn der Körper nicht außerordentlich
belastet wird) können Lebensfunktionen 1, 2 oder sogar mehr Monate erhalten
werden. Die ersten 14-20 Tage findet auch kein bedeutender Proteinverlust (Eiweiß
des Blutplasmas und der Muskeln) durch ihren Einsatz in der Energieerzeugung statt.
Die Stabilisierung aller Stoffwechselprozesse auf einem niedrigem Niveau schafft
die Bedingungen für eine geringere physiologische Aktivität aller Organe.
Die Bildung der Mundspeichel, des Magensafts und des Pankreassafts wird stark
reduziert. Eiweiß-, Triglizerid- und Glukogensynthese wird erheblich verlangsamt.
Die Tätigkeit des Herz-Kreislaufsystems wird an den Bedarf des Gesamtorganismus
angepasst und wegen geringere Belastung sinken Herzfrequenz, Schlagvolumen, Blutdruck
und peripherer Gesamtwiderstand. Die extrazelluläre Flüssigkeitsmenge
nimmt um ca. 20% ab und der Wasserbedarf vermindert sich bis 1-1,5 l pro Tag.
Die Umstellung des Stoffwechsels auf einen Eiweißsparmechanismus wegen geringeren
Mengen der Eiweißstoffwechselendprodukte fordert auch eine verminderte Nierenfiltration
und Urinproduktion.
Entschlackungsmechanismus und therapeutische Wirkung des Fastens
Im Zustand des Fehlens von exogenen Energieträgern muß der Organismus
auf innere Ressourcen zugreifen. Es ist im Organismus vorprogrammiert, dass in
einem Notfall lebenswichtige Organe auf Kosten anderer Körperbezirke aufrechterhalten
werden. So wird während dem Fasten Gesundes und Lebensnotwendiges so lange
wie möglich geschont und zuerst das Überflüssige und Krankhafte
abgebaut. Nun verbraucht der Organismus als Energiequelle das abgestorbene Gewebe,
Entzündungszellen, wegen chronischer Entzündung gebildete Bindegewebe,
Autoimmunkomplexe, Thromben, Tumorzellen usw.
Durch Bindegewebe- und Fettabbau werden auch dort abgelagerte Stoffwechselendprodukte
und exogene Schlackestoffe und Gifte befreit und gelangen in den Blutkreis.
Sie sind nach ihrem chemischen Verhalten entweder wasserlöslich oder fettlöslich
und werden entweder über die Niere oder über Leber-Galle-Darm ausgeschieden.
Während des Fastens mobilisiert der Organismus vermehrt Säure, die
durch die Nieren ausgeschieden wird. Diese Säureentlastung ist sehr wichtig,
da eine Überlastung des Organismus mit Säuren aufgrund übermäßigen
Eiweiß-, Süßigkeiten-, Kaffee- und Weißmehlkonsums eine
wichtige Ursache für die Entstehung verschiedener Krankheiten darstellt.
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